Jakob Gruchmann
DIE TEUFELSLINDE

Kammeroper in drei Teilen für Soli, Sprechrollen, Sprechchor, szenische Klarinette und Ensemble
Musik: Jakob Gruchmann, 2018/19 - Libretto: Manfred Baumann, 2017/18 - Auftraggeber: PalmKlang Festival (Matthias Schorn)

DIE TEUFELSLINDE: Gedanken des Komponisten zum Werk

OBERTAL. Eine feiernde Ortsgemeinschaft, ein Liebespaar, eine Bürgermeisterwahl. Aber auch eine Katastrophe, die die Gemeinschaft in Ungewissheit und Angst versetzt. Scheinbare Zusammenhänge wollen verstanden und müssen hergestellt werden und so beginnt eine Sage, Einfluss auf die in Erwartung stehenden Dorfbewohner auszuüben. Das Sakrale ist oft mit Aberglauben verbunden; Politik und Bierzelt-Disco küssen sich gerne. Die alte Legende wird plötzlich aktuell, sie wird interpretiert, politisch instrumentalisiert und missbraucht, um die Volksmasse zu lenken. In früheren Zeiten war wohl Kirche und Wirtshaus Zentrum für solche Verschwörungstheorien, heute ist das Hauptwerkzeug unumstritten Social Media. Doch Mittelalter und 21. Jahrhundert sind sich in vielen Aspekten gar nicht mehr so fremd...

Traditionelle Elemente der Musikgeschichte begegnen Atmosphären aus einer anderen, mystischen Klangwelt. Das "Teuflische" kann man in der Musik wohl am besten durch düstere, magische und "unreine" Harmonien sowie durch Grenzgänge in der Ausführung ausdrücken. Deshalb wird das Ensemble oft an das Ende der Möglichkeiten der klassischen Interpretation getrieben, um so die Trennlinie zwischen einem eingegrenzten musikalischen Kosmos und der Unendlichkeit unserer Vorstellungen zu sprengen. Die Oper soll kein eklektizistisches Nebeneinander von Stilen sein, sondern der Versuch eines authentischen Zusammenwebens von klischeehafter Tradition und bodenständiger Avantgarde, eben jenen Säulen, die man so oft in einer ländlichen Dorfgemeinschaft des frühen 21. Jahrhunderts beobachten kann.

Auch in der konkreten kompositorischen Arbeit mit der inhaltlichen Vorlage sind gewisse Aspekte ausschlaggebend für Entscheidungen des Komponisten geworden. Mythen werden zu musikalischen Bausteinen: So wird zum Beispiel das angebliche Hinken des Teufels zu einem zentralen rhythmischen Motiv, das immer wieder aus dem Nebel von zerfetzten Gesten auftaucht und nach und nach zu traditionellen Modellen mutiert, die das "Satanische" wieder bedrohlich nahe ans Gewöhnliche und Alltägliche bringen. Kulturgut bettet sich in Neue Musik ein: Floskeln aus dem "Barmsteiner Landler", einer alten Volksweise, ertönen beispielhaft immer wieder dann, wenn die Szene in einem Zusammenhang zu diesen Felsbrocken steht. Oder auch in puncto Instrumentation gibt es Verknüpfungen bestimmter Stimmungen mit konkreten Klangfarben: So nimmt das Hackbrett zum Beispiel eine Schlüsselrolle in der musikalischen Ausdeutung des Librettos ein.

DIE WELT. Eine feiernde Community, viele Lovestories und politische Wahlen. Aber auch eine einzige Katastrophe voller Hass und Kriegen, die die Bewohner in Ungewissheit und Angst versetzen. Influencer haben ihre Follower durch Verschwörungstheorien fest im Griff, und so ist die scheinbar verstaubte Sage von der Teufelslinde brandaktuell mitten unter uns.

Jakob Gruchmann, Oktober 2019

Zurück zur Textübersicht
Zurück zur Werkübersicht